Unterwegs

OFFENES PALAIS unterwegs

Das bewährte Veranstaltungskonzept strahlt neben den geplanten Veranstaltungen im Palais Großer Garten seit 2020 aus seinem Zentrum und Ausgangspunkt im Großen Garten gelegentlich auch in andere besondere Orte im Dresdner Stadtgebiet, an die Ränder und darüber hinaus, um die Reihe nachhaltig weiter zu entwickeln. OFFENES PALAIS unterwegs heißt die Dependance und einzelne Projekte der Veranstaltungsreihe, wenn das Format auf Reisen geht.

zwei Termine 2021

Sonntag, 19. September 2021, 12 und 16 Uhrunter freiem Himmel im Garten des Kraszewski-Museums, Nordstraße 28, 01099 Dresden (Regenvariante im Saal mit beschränktem Platzkapazitäten)

Todweg, Kuhschwanz, Kannenhenkel  – eine musikalische Spätsommerfrische in sächsischen Jagdgründen.

Ensemble WIRBELEY feiert den Spätsommer (mit gebührendem Abstand/Ansitz), die Jagd und den Wald(rand). Es jubilieren Hörner, Viola, Akkordeon, Flöten und Trommeln nebst singender Säge.

Das Programm feiert während einer einmaligen Bespielung ein Areal des Dresdner Stadtgebietes, welches gemeinhin von OFFENES PALAIS nicht belebt wird, dessen Geschichte wenig bekannt ist, das aber als „Drey Stegen“ am historischen Prießnitzübergang des Bischofsweges Ausgangspunkt dreier uralter Heidewege (O, P, Q – in Baumrinde geschnittene Waldzeichen; bekannt als „Todweg“, „Kannenhenkel“ und „Kuhschwanz“) und Startpunkt für höfische Jagden war. 

„Drey Stegen“, ein ehemaliger Waldort, heute Standort des im Schweizer Stil erbauten Kraszewski-Museums, dient als Inspiration für ein lebensfrohes Programm unter freiem Himmel. Es richtet sich an breite Bevölkerungskreise und alle Altersgruppen. Die inhaltliche Bezugnahme auf viele Aspekte der Dresdner Heide und ihrer historischen Waldorte und Wege, die Jagd, mannigfaltige Formen der Lustbarkeit und die Jahreszeiten verspricht ein kurzweiliges Erlebnis. 

Im Programm eröffnet sich dem Publikum ein Füllhorn musikalischer Erzählungen – auf Paul Gerhardts „Geh aus, mein Herz und suche Freud“ folgt großes Trara, tönen die Jagdmelodien mit Hufgetrappel und Hörnerschall, erklingt ein Sommerkanon aus dem 12. Jahrhundert des alten Englands. Wir hören eine serbische Soirée bei sächsischen Siedlern, belauschen eine sprachbegabte Nachtigall auf mittelhochdeutsch. Ein Reigentänzter wirbelt seine Füße im 11/8-Takt und die Liebesgeschichte eines sächsischen Jagdtreibers mit einer schönen Lausitzerin geht gut aus.

Das Projekt OFFENES PALAIS unterwegs „Todweg, Kuhschwanz, Kannenhenkel  – eine musikalische Spätsommerfrische in sächsischen Jagdgründen“ wird im Programm Kultursommer 2021 durch die Beauftrage der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) mit Mitteln aus NEUSTART KULTUR gefördert. 


Sonntag, 26. September 2021, 16 und 19 Uhr, Kirche im Kanonenhof der Ev.-ref. Gemeinde zu Dresden, Brühlscher Garten 4, 01067 Dresden.

Zum Gedenken an Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Magirius

„Nun stärcke dich mein Hertz“Kurfürst Johann Georg I. und die Künste im Schatten des Krieges

Maria Skiba – Sopran, Frank Pschichholz – Laute, Kunstbetrachtung mit Marius Winzeler

Der sächsische Kurfürst Johann Georg I. (1585-1656) gehört zu den wenigen Herrschern Europas, die den gesamten Dreißigjährigen Krieg erlebt haben und dem es gelungen ist, trotz aller Greuel und Schrecken wegweisende Friedensinitiativen zu starten und die Kultur zu befördern und zu stärken. In der älteren Geschichtsschreibung hat er zu Unrecht keinen guten Ruf, dabei verdankte ihm Sachsen und Europa einiges. Nur schon der Umstand, dass der gleichaltrige Heinrich Schütz (1585-1672) den größten Teil seines Lebens in seinen Diensten stand und am Hof Johann Georgs I. die meisten seiner Kompositionen schrieb, sagt Einiges.

Unter diesem Kurfürsten erfuhr Sachsen mit den beiden Lausitzen die bedeutendste Landeserweiterung seiner Geschichte. Mit dem Prager Frieden von 1635 hatte Johann Georg I. schon 13 Jahre vor dem Westfälischen Frieden versucht, das Kriegsgeschehen zu beenden. Und in den Dresdener Sammlungen erinnern Meisterwerke der Textil- und Schatzkunst, Prunkwaffen und eindrückliche Porträts an die hohe Kultur, die trotz Krieg und wirtschaftlicher Nöte nicht aufgegeben wurde. Zahlreiche Bauwerke in Dresden, der Riesensaal des Residenzschlosses und die Hoflößnitz in Radebeul, die Georgenburg auf der Festung Königstein oder Johanngeorgenstadt erinnern an den Herrscher, der kaisertreu war, deshalb die ihm angetragene böhmische Königskrone ablehnte, sich für sein Land einsetzte, gerne feierte und kein großer Krieger war. Er liebte die Musik und war tief gläubig. Auf dem Sterbebett soll er mehrmals gesagt haben: „Meinen Jesum lass ich nicht.“

Unser Programm erinnert an seine Zeit und seine Person. Es lässt in der Musik existentielle Nöte und sinnliche Freuden einer Epoche anklingen, in der der Krieg dominierte. Johann Georg I. gelang es jedoch, dass Dresden nicht direkt davon betroffen war und im Schatten des Krieges mitunter glanzvolle Feste stattfinden konnten. Dies belegt auch die aktuelle Ausstellung „Bellum et Artes“ im Dresdener Residenzschloss mit kostbaren Exponaten aus den reichen Beständen der Staatlichen Kunstsammlungen Dreden und Leihgaben aus Wien, München, Prag, Stockholm u. a.

Wir widmen diese Sonderveranstaltung dem Gedenken an Prof. Dr. Dr. h. c. Heinrich Magirius, dem wir grundlegende Erkenntnisse, Impulse und viele Anregungen verdanken.

Marius Winzeler, Dr. phil.,wurde in der Schweiz geboren. Studium der Kunstgeschichte, Archäologie des Mittelalters und der Älteren Deutschen Literatur an der Universität Zürich, Promotion an der Technischen Universität Berlin. Denkmalpflegerische Tätigkeiten in der Schweiz und in Sachsen, Kurator der Ersten Sächsischen Landesausstellung und zahlreicher anderer Ausstellungen; Veranstalter von spartenübergreifenden Kulturveranstaltungen; Mitbegründer der Veranstaltungsreihe OFFENES PALAIS – MUSIK UND KUNST IM GROSSEN GARTEN. Lehraufträge; Reiseleitungen. Nach langjährigen Tätigkeiten im Kulturhistorischen Museum Görlitz und in den Städtischen Museen Zittau von 2016 bis 2021 Direktor der Sammlung Alter Meister der Nationalgalerie Prag. Veröffentlichungen zur Architektur-, Kunst- und Kulturgeschichte der Schweiz, Sachsens, der Oberlausitz und Böhmens vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Ab 1.10.2021 übernimmt er die Leitung des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

Rückblick auf die Veranstaltungen am 7. März und 12. September 2020

Christophorus-Kirche Dresden-Wilschdorf

2020 rückte zunächst als entsprechender authentischer Ort nach dem ersten profanen Barockbau Sachsens zusätzlich die älteste erhaltene Kirche Dresden ins Visier: die Christophorus-Kirche in Dresden-Wilschdorf, deren Ursprünge ins 13. Jahrhundert zurückgehen und deren stimmungsvoller Innenraum sich durch gotische Wandmalereien und einen Spätrenaissancealtar auszeichnet.

Die Christophoruskirche zu Dresden-Wilschdorf wurde Bühne für zwei speziell zugeschnittene Veranstaltungen am 7. März und 12. September 2020. Das Projekt beförderte die kulturelle Identität und Heimatverbundenheit vor Ort und lockte zugleich Besucherinnen und Besucher aus ganz Dresden an. Ihre einzigartigen mittelalterlichen Glocken und wertvollen Wandmalereien sowie die Ausstattung wurden spartenübergreifend mit inhaltlich darauf abgestimmten Konzerten in internationaler Besetzung, mit Kunstbetrachtung, durch Präsentation und Besichtigung heiterer vorgestellt:

12. September 2020, 15 Uhr, unter freiem Himmel im Kirchhof:

Präsentation des ältesten mittelalterlichen Glockengeläutes in Dresdens Stadtgebiet

mit Kirchvorsteher Ricardo Hähnel

Das Glockengeläut der Christophorus-Kirche zu Dresden-Wilschdorf ist das älteste erhaltene Geläut in Dresdens Stadtgebiet und darüber hinaus. Die kleine Glocke stammt von 1250, die mittlere Glocke ruft seit ca. 1400 zum Gebet und die große Glocke erklingt seit dem 15. Jahrhundert. Das Publikum saß nach dem Eintritt durch den romantischen Torbogen des Kirchhofes im Schatten der eindrücklichen alten Bäume. Nacheinander wurden die Glocken einzeln und im Gesamtklang in Schwingungen versetzt. Kirchvorsteher Ricardo Hähnel moderierte die Präsentation. Als Besonderheit erklang während des folgenden Konzertes das wertvolle Geläut im Zusammenklang mit einem mitgebrachten Nachbau eines mittelalterlichen Glockenspiels sowie als Bordun während eines Stückes aus dem spätmittelalterlichen Buxheimer Orgelbuch.

„Sei nun wieder zufrieden meine Seele“

Konzert mit Werken aus Mittelalter, Renaissance und Frühbarock, u.a. aus dem Buxheimer Orgelbuch, von Johann Walter, Hans Leo Haßler, Heinrich Schütz und Andreas Hammerschmidt

Stefan Kunath – Altus und Jan Katzschke – Orgelpositiv und Regal

Die Musik unseres Programmes umfaßte drei verschiedene Stilbereiche. Einstimmige Gesänge wurden im Spätmittelalter zunehmend mehrstimmig gesetzt. Die überlieferte Musik bis zur Reformationszeit orientiert sich dabei schwerpunktmäßig am Lied. Immer kunstvoller wurde die Mehrstimmigkeit dann in der Renaissance (Poplyphonie), wobei langsam eine virtuose Musizierkultur begann: Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurden zunehmend einzelne Stimmen solistisch von Sängern oder Instrumentalisten hervorgehoben. Im 17. Jahrhundert verselbständigten sich diese Solostimmen dann schließlich und wurden immer unmittelbarer emotional: Die ausdruckssvolle Barockzeit hatte begonnen und erreichte in Dresden ihren ersten, unbestrittenen Höhepunkt mit Heinrich Schütz. Auch in der Orgelmusik spiegelt sich diese Entwicklung durch immer reicher verzierte Solostimmen wieder. Diesen Weg zeichnete unser Konzertprogramm nach und setzte sich damit musikalisch in Bezug zum Kirchbau und seiner Ausstattung; den roten Faden bildeten dabei bekannte Liedmelodien, die immer wieder in kunstvolle mehrstimmige Sätze verwoben wurden.

Von Mitgliedern der Kirchgemeinde wurde im Pfarrgarten der Lehmbackofen angeheizt, kleine Flammkuchen gebacken und Getränke angeboten.

„OFFENES PALAIS unterwegs“ unter freiem Himmel im Pfarrgarten der Christophorus-Kirche am 12.9.2020

Sonnabend, 7. März 2020, ab 14:20 Uhr

Auftaktperformance im und am Bahnhof Neustadt

mit Anna Katharina Schumann und Thomas Friedlaender (Schalmei, Hirtenhörner, Perkussion)

Die in der Wilschdorfer Kirche vorhandene mittelalterliche Abbildung einer eine Schalmei spielenden Musikantin war Inspiration für die Performance. Die Nutzung einer Schalmei als traditionellen Instrument des „fahrenden Volkes“ war die bewußt gewählte musikalische Metapher auf das „unterwegs sein“ bei der anschließenden gemeinsamen Fahrt eines Teil des Publikums nach Wilschdorf mit einem angemieteten Reisebus.

Unterwegs zum hl. Christophorus 

Gedanken zu den ältesten gotischen Malereien Dresdens in Wilschdorf – Kunstbetrachtung mit Marius Winzeler (Nationalgalerie Prag)

Die um 1425 entstandenen Wandmalereien der Wilschdorfer St. Christophorus-Kirche, in denen die mitteleuropäische Kunst des „Schönen Stils“ einen reizvollen Widerhall gefunden hat, standen im Mittelpunkt der Kunstbetrachtung der Veranstaltung. Das bereits angesprochene mittelalterliche Christophorus-Wandbild zeigt am Fuß auch einen eine Schalmei spielenden Musikanten. Diese mutmaßlich älteste erhaltene Instrumenten-Abbildung  in Dresdens Stadtgebiet war reizvoller Ausgangspunkt für das musikalische Konzept, welches sich in der Auswahl der Instrumente und Inhalte des Konzertes auf diese Darstellung bezog.

Das musikalische Labyrinth – von Virtuosität und anderen Tugenden in mittelalterlicher Instrumentalmusik

ensemble quidni: Peppe Frana (Neapel) – Mittelalterlaute, Quinterne und Silke Gwendolyn Schulze (Basel) – Einhandflöte & Trommel/Triangel, Schalmei, Doppelflöte, Douçaine

Die beiden Manuskripte London 29987 und Paris fr. 844 (Manuscrit du Roi) sind unter Mittelalter-Instrumentalisten sehr bekannt, denn sie enthalten die berühmten estampies und istanpitte: diese Stücke gelten als die früheste überlieferte genuine Instrumentalmusik. Sie folgen einer klaren Struktur mit verschiedenen Puncti und denselben offenen und geschlossenen Enden. Diese ursprünglich einstimmige Musik hatten Peppe Frana und Silke Gwendolyn Schulze nun für ihre Besetzung, mittelalterliche Lauteninstrumente mit verschiedenen mittelalterlichen Holzblasinstrumenten, arrangiert. Sie verwenden die erhaltenen Melodien nicht nur als Beginn der Freude am Zusammenzuspielen, sondern auch als einen Beginn, um die verschiedenen Klang- und Instrumentierungsmöglichkeiten zu erforschen, sodass diese Mittelalter-Musik in der Christophorus-Kirche so neu und lebendig vor den besonderen mittelalterlichen Wandmalereien erklang, als wäre sie erst heute geschrieben worden.

Überlegungen zu den Rahmenbedingungen

Die Veranstaltung am am 7.3. 2020 wurde noch in der absolut voll besetzten Kirche durchgeführt – damals bereits unter dem Eindruck der aufziehenden Bedrohung durch die Corona-Pandemie aber ohne Erfahrungen im Umgang mit der damals nicht durchschaubaren Situation. Anschließend gab es mehrere Monate keine Veranstaltungen, nicht nur der gesamten Reihe OFFENES PALAIS sondern im ganzen Land und in ganz Europa. Die ursprünglich für den 24. Mai 2020 geplante zweite Veranstaltung fand dann in Wilschdorf erst mit viermonatiger Verspätung am 12.9.2020 statt – auf Grund der Bedingungen der Corona-Pandemie unter freiem Himmel im Kirchhof unter Einhaltung der Abstandsregeln. Die Musiker standen und saßen, bei zum Glück strahlendem Himmel, auf der Wiese im Kirchhof, während das Publikum auf extra herbeigeschafften Stühlen im Schatten der alten Kastanie Platz genommen hatte.

Es war eine in vielerlei Sicht glückliche Stunde. Die Akustik erwies sich als erstaunlich transparent und das Konzept ist am Ende aufgegangen. Zum Schluß standen die Leute im benachbarten Pfarrgarten am Lehmbackofen und ließen bei einem Glas Federweißen und Flammkuchen den Nachmittag gemütlich ausklingen.

Noch ein Wort zum Ablauf der ersten Veranstaltung am 7. März. Wir hatten bisher keine Erfahrungen mit dem neuen „unterwegs“-Format. Deshalb gab es auch einige Schwierigkeiten und Probleme, die wir im Vorfeld nicht absehen konnten bzw. falsch eingeschätzt hatten – insbesondere nach der Veranstaltung am 7. März, als einige Besucher davon ausgegangen waren, dass der für die Hinfahrt angemietete Bus auch für die Rückfahrt zur Verfügung stehen würde. Für unsere in dieser Frage unzureichende Kommunikation möchten wir uns an dieser Stelle aufrichtig entschuldigen und bitte um Ihr Wohlwollen: bitte gehen Sie davon aus, dass wir ständig darüber nachdenken, wie wir unsere Veranstaltungen für alle Besucherinnen und Besucher so angenehm wie möglich gestalten und an welchen Stellen wir unser ehrenamtliches Engagement verbessern können.

Dank

Das Projekt wurde dankenswerterweise gefördert durch das Stadtbezirksamt Klotzsche. Wir bedanken uns insbesondere bei den Mitarbeiterinnen des Amtes für Ihre umfangreichen Hilfestellungen und zeitaufwändige Unterstützung. Wir bedanken uns sehr herzlich bei allen ehrenamtlichen und angestellten (und ehemaligen) Mitarbeiterinnen und Mitgliedern der Evangelisch-Lutherischen Christophoruskirchgemeinde Dresden-Wilschdorf-Rähnitz für die angenehme Zusammenarbeit und Unterstützung. Für die Bereitstellung der zusätzlichen Stühle am 12.9.2020 gilt unser Dank dem Verein Seifersdorfer Thal. e.V. Orgelbauer Marcus Stahl sorgte für die Stimmung des Regals. Auch ihm sei gedankt.