Unterwegs

OFFENES PALAIS unterwegs

am 7. März und 12. September 2020

Christophorus-Kirche Dresden-Wilschdorf

Die Christophoruskirche zu Dresden-Wilschdorf wurde unter dem Titel „OFFENES PALAIS unterwegs“ Bühne für zwei speziell zugeschnittene Veranstaltungen am 7. März und 12. September 2020. Das Projekt beförderte die kulturelle Identität und Heimatverbundenheit vor Ort und lockte zugleich Besucherinnen und Besucher aus ganz Dresden an. Ihre einzigartigen mittelalterlichen Glocken und wertvollen Wandmalereien sowie die Ausstattung wurden spartenübergreifend mit inhaltlich darauf abgestimmten Konzerten in internationaler Besetzung, mit Kunstbetrachtung, durch Präsentation und Besichtigung heiterer vorgestellt. Hier ein kleiner Rückblick:

12. September 2020, 15 Uhr, unter freiem Himmel im Kirchhof:

Präsentation des ältesten mittelalterlichen Glockengeläutes in Dresdens Stadtgebiet

mit Kirchvorsteher Ricardo Hähnel

Das Glockengeläut der Christophorus-Kirche zu Dresden-Wilschdorf ist das älteste erhaltene Geläut in Dresdens Stadtgebiet und darüber hinaus. Die kleine Glocke stammt von 1250, die mittlere Glocke ruft seit ca. 1400 zum Gebet und die große Glocke erklingt seit dem 15. Jahrhundert. Das Publikum saß nach dem Eintritt durch den romantischen Torbogen des Kirchhofes im Schatten der eindrücklichen alten Bäume. Nacheinander wurden die Glocken einzeln und im Gesamtklang in Schwingungen versetzt. Kirchvorsteher Ricardo Hähnel moderierte die Präsentation. Als Besonderheit erklang während des folgenden Konzertes das wertvolle Geläut im Zusammenklang mit einem mitgebrachten Nachbau eines mittelalterlichen Glockenspiels sowie als Bordun während eines Stückes aus dem spätmittelalterlichen Buxheimer Orgelbuch.

„Sei nun wieder zufrieden meine Seele“

Konzert mit Werken aus Mittelalter, Renaissance und Frühbarock, u.a. aus dem Buxheimer Orgelbuch, von Johann Walter, Hans Leo Haßler, Heinrich Schütz und Andreas Hammerschmidt

Stefan Kunath – Altus und Jan Katzschke – Orgelpositiv und Regal

Die Musik unseres Programmes umfaßte drei verschiedene Stilbereiche. Einstimmige Gesänge wurden im Spätmittelalter zunehmend mehrstimmig gesetzt. Die überlieferte Musik bis zur Reformationszeit orientiert sich dabei schwerpunktmäßig am Lied. Immer kunstvoller wurde die Mehrstimmigkeit dann in der Renaissance (Poplyphonie), wobei langsam eine virtuose Musizierkultur begann: Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurden zunehmend einzelne Stimmen solistisch von Sängern oder Instrumentalisten hervorgehoben. Im 17. Jahrhundert verselbständigten sich diese Solostimmen dann schließlich und wurden immer unmittelbarer emotional: Die ausdruckssvolle Barockzeit hatte begonnen und erreichte in Dresden ihren ersten, unbestrittenen Höhepunkt mit Heinrich Schütz. Auch in der Orgelmusik spiegelt sich diese Entwicklung durch immer reicher verzierte Solostimmen wieder. Diesen Weg zeichnete unser Konzertprogramm nach und setzte sich damit musikalisch in Bezug zum Kirchbau und seiner Ausstattung; den roten Faden bildeten dabei bekannte Liedmelodien, die immer wieder in kunstvolle mehrstimmige Sätze verwoben wurden.

Von Mitgliedern der Kirchgemeinde wurde im Pfarrgarten der Lehmbackofen angeheizt, kleine Flammkuchen gebacken und Getränke angeboten.

Sonnabend, 7. März 2020, ab 14:20 Uhr

Auftaktperformance im und am Bahnhof Neustadt

mit Anna Katharina Schumann und Thomas Friedlaender (Schalmei, Hirtenhörner, Perkussion)

Die in der Wilschdorfer Kirche vorhandene mittelalterliche Abbildung einer eine Schalmei spielenden Musikantin war Inspiration für die Performance. Die Nutzung einer Schalmei als traditionellen Instrument des „fahrenden Volkes“ war die bewußt gewählte musikalische Metapher auf das „unterwegs sein“ bei der anschließenden gemeinsamen Fahrt eines Teil des Publikums nach Wilschdorf mit einem angemieteten Reisebus.

Unterwegs zum hl. Christophorus 

Gedanken zu den ältesten gotischen Malereien Dresdens in Wilschdorf – Kunstbetrachtung mit Marius Winzeler (Nationalgalerie Prag)

Die um 1425 entstandenen Wandmalereien der Wilschdorfer St. Christophorus-Kirche, in denen die mitteleuropäische Kunst des „Schönen Stils“ einen reizvollen Widerhall gefunden hat, standen im Mittelpunkt der Kunstbetrachtung der Veranstaltung. Das bereits angesprochene mittelalterliche Christophorus-Wandbild zeigt am Fuß auch einen eine Schalmei spielenden Musikanten. Diese mutmaßlich älteste erhaltene Instrumenten-Abbildung  in Dresdens Stadtgebiet war reizvoller Ausgangspunkt für das musikalische Konzept, welches sich in der Auswahl der Instrumente und Inhalte des Konzertes auf diese Darstellung bezog.

Das musikalische Labyrinth – von Virtuosität und anderen Tugenden in mittelalterlicher Instrumentalmusik

ensemble quidni: Peppe Frana (Neapel) – Mittelalterlaute, Quinterne und Silke Gwendolyn Schulze (Basel) – Einhandflöte & Trommel/Triangel, Schalmei, Doppelflöte, Douçaine

Die beiden Manuskripte London 29987 und Paris fr. 844 (Manuscrit du Roi) sind unter Mittelalter-Instrumentalisten sehr bekannt, denn sie enthalten die berühmten estampies und istanpitte: diese Stücke gelten als die früheste überlieferte genuine Instrumentalmusik. Sie folgen einer klaren Struktur mit verschiedenen Puncti und denselben offenen und geschlossenen Enden. Diese ursprünglich einstimmige Musik hatten Peppe Frana und Silke Gwendolyn Schulze nun für ihre Besetzung, mittelalterliche Lauteninstrumente mit verschiedenen mittelalterlichen Holzblasinstrumenten, arrangiert. Sie verwenden die erhaltenen Melodien nicht nur als Beginn der Freude am Zusammenzuspielen, sondern auch als einen Beginn, um die verschiedenen Klang- und Instrumentierungsmöglichkeiten zu erforschen, sodass diese Mittelalter-Musik in der Christophorus-Kirche so neu und lebendig vor den besonderen mittelalterlichen Wandmalereien erklang, als wäre sie erst heute geschrieben worden.

Überlegungen zu den Rahmenbedingungen

Die Veranstaltung am am 7.3. 2020 wurde noch in der absolut voll besetzten Kirche durchgeführt – damals bereits unter dem Eindruck der aufziehenden Bedrohung durch die Corona-Pandemie aber ohne Erfahrungen im Umgang mit der damals nicht durchschaubaren Situation. Anschließend gab es mehrere Monate keine Veranstaltungen, nicht nur der gesamten Reihe OFFENES PALAIS sondern im ganzen Land und in ganz Europa. Die ursprünglich für den 24. Mai 2020 geplante zweite Veranstaltung fand dann in Wilschdorf erst mit viermonatiger Verspätung am 12.9.2020 statt – auf Grund der Bedingungen der Corona-Pandemie unter freiem Himmel im Kirchhof unter Einhaltung der Abstandsregeln. Die Musiker standen und saßen, bei zum Glück strahlendem Himmel, auf der Wiese im Kirchhof, während das Publikum auf extra herbeigeschafften Stühlen im Schatten der alten Kastanie Platz genommen hatte.

Es war eine in vielerlei Sicht glückliche Stunde. Die Akustik erwies sich als erstaunlich transparent und das Konzept ist am Ende aufgegangen. Zum Schluß standen die Leute im benachbarten Pfarrgarten am Lehmbackofen und ließen bei einem Glas Federweißen und Flammkuchen den Nachmittag gemütlich ausklingen.

Noch ein Wort zum Ablauf der ersten Veranstaltung am 7. März. Wir hatten bisher keine Erfahrungen mit dem neuen „unterwegs“-Format. Deshalb gab es auch einige Schwierigkeiten und Probleme, die wir im Vorfeld nicht absehen konnten bzw. falsch eingeschätzt hatten – insbesondere nach der Veranstaltung am 7. März, als einige Besucher davon ausgegangen waren, dass der für die Hinfahrt angemietete Bus auch für die Rückfahrt zur Verfügung stehen würde. Für unsere in dieser Frage unzureichende Kommunikation möchten wir uns an dieser Stelle aufrichtig entschuldigen und bitte um Ihr Wohlwollen: bitte gehen Sie davon aus, dass wir ständig darüber nachdenken, wie wir unsere Veranstaltungen für alle Besucherinnen und Besucher so angenehm wie möglich gestaltenund an welchen Stellen wir unser ehrenamtliches Engagement verbessern können.

Dank

Das Projekt wurde dankenswerterweise gefördert durch das Stadtbezirksamt Klotzsche. Wir bedanken uns insbesondere bei den Mitarbeiterinnen des Amtes für Ihre umfangreichen Hilfestellungen und zeitaufwändige Unterstützung. Wir bedanken uns sehr herzlich bei allen ehrenamtlichen und angestellten (und ehemaligen) Mitarbeiterinnen und Mitgliedern der Evangelisch-Lutherischen Christophoruskirchgemeinde Dresden-Wilschdorf-Rähnitz für die angenehme Zusammenarbeit und Unterstützung. Für die Bereitstellung der zusätzlichen Stühle am 12.9.2020 gilt unser Dank dem Verein Seifersdorfer Thal. e.V. Orgelbauer Marcus Stahl sorgte für die Stimmung des Regals. Auch ihm sei gedankt.

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